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Ein Wolf verletzt mitten in Hamburg eine Frau und irrt dann durch die Stadt. Müssen wir uns künftig auf mehr Begegnungen mit Wildtieren einstellen? Eine Einordnung.
Mitten in Hamburg kommt es in einer Einkaufsstraße am Montag zu einem Wolfsangriff auf eine Frau (der stern berichtete). Viele Menschen reagierten geschockt auf den Vorfall. Was verheißt das für die Zukunft? Ist ein Wolf in deutschen Großstädten demnächst kein Einzelfall mehr?
Fest steht: Seit der Wiederansiedlung 1998 ist die Wolfspopulation in Deutschland deutlich gewachsen. Zuletzt stagnierte die Anzahl der Tiere zwar etwas, im Zeitraum der Überwachung von 2014/15 bis 2024/25 stieg sie jedoch insgesamt um 500 Prozent an – von 268 auf 1365 Wölfe.
Dennoch sind Begegnungen zwischen Wolf und Mensch äußerst selten. In der Regel meiden Wölfe Menschen, sind ihnen gegenüber von Natur aus äußerst misstrauisch. „Es gab noch keinen solchen Fall seit der Wiederansiedlung 1998“, sagt eine Sprecherin des Bundesamts für Naturschutz der Nachrichtenagentur DPA.
Auf Anfrage des stern teilt das Lupus-Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland mit, dass sich das Jungtier in Hamburg offenbar auf Abwanderung aus seinem Geburtsrudel befand. Dabei geriet der Wolf offenbar in die Innenstadt. „Da Wölfe sehr weite Strecken abwandern können – oft hunderte bis tausende Kilometer – laufen sie sehr viel durch unbekanntes Gebiet und können sich dabei auch in Städte verirren“, heißt es. Das komme vorwiegend bei jüngeren und unerfahrenen Wölfen vor.
Was der Wolfsangriff in Hamburg für Großstädte bedeutet
Allerdings kann diese ungewohnte Umgebung Wölfe unter Stress setzen, „da die Tiere in der Regel nachts wandern und dann erst tagsüber merken, dass sie sich in einer Stadt mit sehr vielen Menschen befinden“. So hat es in den vergangenen Jahren immer wieder Sichtungen von Wölfen gegeben, die sich auf Wanderschaft verirrt hatten.
Das Lupus-Institut erklärte, dass es in Städten aufgrund der geringen Rückzugsmöglichkeiten für die Tiere womöglich noch wichtiger sei, das Tier nicht zu bedrängen. Wer versehentlich auf einen Wolf trifft, sollte „Abstand halten und die zuständigen Behörden informieren, auch damit die Sichtung ins Monitoring eingehen kann. Wenn möglich, ein Foto machen“. Die gute Nachricht für besorgte Bürger: Der Vorfall deutet eher nicht auf eine grundlegende Verhaltensänderung bei Wölfen hin. Doch „es kann natürlich rein statistisch häufiger passieren, wenn es mehr Wölfe gibt“, heißt es.
Wildtiere als Bereicherung
Während Wölfe selten in urbanen Gebieten zu sehen sind, gehören andere Wildtiere seit Jahrzehnten zum Stadtbild. „Rotfüchse, als eine der ersten Pionierarten, leben beispielsweise schon seit den 1950er Jahren in Berlin, andere Arten folgten“, sagt Konstantin Börner, Wildtierbiologe am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, dem stern.
Dabei könnten sogenannte euryöke Tierartengroße Schwankungen von Umweltfaktoren aushalten und sich ihnen anpassen – in diesem Fall der Großstadt und dem Menschen. Zudem hätten sich die Städte ausgeweitet und böten heute mehr Lebensräume für Wildtiere.
Die Anpassung gilt dabei in beide Richtungen. Laut Börner gewöhnen sich die Menschen zunehmend daran, dass wilde Tiere in ihrer Umgebung auftauchen. „Wildtiere werden immer Teil der Stadt bleiben“, sagt er. Eine Ablehnung entstünde hauptsächlich, wenn die Tiere etwa Schäden am eigenen Haus oder Garten verursachten.
„Wildtiere in der Stadt werden von vielen auch als Bereicherung angesehen“, so Börner. Die Wahrscheinlichkeit, einen Fuchs oder ein Wildschwein in Berlin zu sehen, sei größer als in Brandenburg. „Das bietet den Menschen einen direkten Zugang zu diesen Tieren.“
Welche Wildtiere sind gefährlich?
Seinen Worten zufolge stellten die allermeisten Wildtiere in der Großstadt keine Gefahr dar, sie lebten friedlich neben den Menschen. Bei größeren, wehrhaften Tieren könne es in seltenen Fällen zu brenzligen Situationen kommen. „Das bloße Aufeinandertreffen führt jedoch nicht zu einer Konfrontation“, erklärt Börner. „Es muss ein zusätzlicher Faktor hinzukommen wie etwa freilaufende Hunde, das Tier ist verletzt oder krank, oder es ist Futter konditioniert.“
Der Vorfall mit dem Wolf in Hamburg zeige, dass man die Tiere nicht unter Stress setzen sollte. Der Experte empfiehlt daher: „Bleiben Sie stehen und ziehen sich dann langsam zurück, (…) beobachten Sie aus der Ferne.“ In der Regel komme es dann zu einem „wunderbaren Naturerlebnis“.
Weitere Quellen: Bundesinformationszentrum Landwirtschaft, Bundesumweltministerium

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