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Während der Schwangerschaft liegt die Hauptverantwortung häufig bei der Mutter. Paare betrachten oft nur die Organisation nach der Geburt. Doch wie sollten sich die Väter verhalten?

Der größte Fehler von Vätern passiert, bevor das Kind überhaupt da ist. Nicht im Kreißsaal, nicht im Wochenbett. Sondern Monate vorher. In einer Phase, die sich harmlos anfühlt, abstrakt für den werdenden Vater. Fast wie eine Art Zwischenraum. Man weiß, was kommt, aber es betrifft einen noch nicht so richtig. Die Rede ist von der Schwangerschaft. Es ist die Zeit, in der sich alles verändert – und gleichzeitig die Zeit, in der viele Männer sich erstaunlich wenig zuständig fühlen. Nicht, weil sie desinteressiert sind, sondern weil es sie nicht betrifft, jedenfalls vermeintlich. Der Körper der Frau verändert sich. Sie ist bei den Vorsorgeuntersuchungen, sie spürt das Kind, sie liest, hört Podcasts, spricht mit Freundinnen, plant, organisiert.
Und der Mann? Der steht oft daneben. Interessiert, unterstützend, vielleicht auch überfordert – aber selten wirklich verantwortlich. Und so manifestiert sich schon bevor das Kind überhaupt geboren wird eine Rollenverteilung: Die Mutter die Managerin, der Vater im besten Fall helfender Assistent im Familienkonstrukt. (Lesen Sie auch: Teenager Schwanger: Was Tun, wenn es zu…)
Väter und die Verantwortung während der Schwangerschaft
Ich selbst habe es so erlebt. Meine Partnerin war schwanger. Ich brauchte etwas, um zu realisieren, was das für uns, was es für mich bedeutet. Die Erkenntnis nahm sich ein paar Tage Zeit, bevor sie mich mit voller Wucht traf. Doch über das Gefühl von Freude und der Tatsache, dass ich allen Menschen, die mir begegneten, ungefragt davon erzählte, dass ich bald Vater werden würde, veränderte sich wenig für mich während der Schwangerschaft. Und für alle, die besonders aufmerksam lesen, versteckt sich schon in diesem Satz die Antwort auf die Frage, warum Väter sich oft schwertun, schon während der Schwangerschaft ihrer Partnerin mehr Verantwortung zu übernehmen.
Ich hielt mich damals schon für einen besonders progressiven Vater, weil ich meine damalige Partnerin zu jedem Untersuchungstermin begleitete. Mich dafür früher aus dem Büro zu verabschieden, erfüllte mich mit einem gewissen Stolz, und ich unterlag der Annahme, das würde bereits genügen, mich berechtigterweise als „modernen Vater“ fühlen zu dürfen. Hinzu kam, dass ich plante, ein Jahr Elternzeit zu nehmen. Damit – spätestens – war ich in meinem Kopf zum Jahrhundertvater avanciert. Ich kannte niemanden in meinem erweiterten Bekanntenkreis, der auch nur annähernd so viel Elternzeit genommen hatte oder dies plante. Ich war also auf dem Väter-Olymp angekommen, das war sehr deutlich für mich.
Das Problem war nur: Wenn meine Partnerin mich nach der Ultraschall-Untersuchung, zu der ich sie mal wieder mit stolzer Brust begleitet hatte, fragte, was für ein Kinderbett ich bevorzugen würde, verstand ich nicht, was das mit mir zu tun haben sollte. Erstens lag doch die Geburt noch einige Monate und damit in weit entfernter Zukunft. Und zweitens hatte ich nicht wirklich große Lust, mich mit derartigen Fragen zu beschäftigen. Warum? Nach außen gab ich vor, dass andere Themen in der Prio-Liste Vorrang hatten. Innerlich jedoch war ich vor allem genervt, mich um derart banale Dinge kümmern zu müssen, und wenn ich ganz ehrlich bin, fühlte ich mich vor allem auch tendenziell unzuständig. Mich, den mit Orden bereits voll behangenen Super-Dad in spe, mit Einrichtungsfragen das Kinderzimmer betreffend oder gar mit der Frage nach dem Design von Geburtsbenachrichtigungskarten zu behelligen, schien mir beinahe unehrerbietig. (Lesen Sie auch: Vertrauen und Misstrauen: Eifersucht als Problem –…)
Gut, jetzt übertreibe ich ein wenig. Jedenfalls hatte ich das latente Gefühl, als wäre das nicht mein Bier, und so ging ich eben solches trinken, statt mit meiner schwangeren Partnerin auf dem Sofa sitzend Kleinanzeigen zu durchforsten.
Und genau da liegt das Problem. Denn wenn einer von beiden neun Monate lang die mentale Hauptverantwortung trägt, dann ist das keine Phase. Dann ist das ein System. Eines, das sich nach der Geburt nicht plötzlich auflöst, sondern sich eher noch verstärkt. Verantwortung lässt sich nicht einfach teilen, wenn sie einmal klar verteilt ist. Wir sprechen viel darüber, wie Paare sich nach der Geburt organisieren. Über Elternzeitmodelle, Arbeitszeiten, Care-Aufteilung. Aber wir unterschätzen komplett, wie früh diese Dynamiken eigentlich entstehen. Nicht mit dem ersten Schrei, sondern mit der ersten Entscheidung, sich einzubringen – oder eben nicht.
Die Frage ist also nicht, ob wir gute Väter sein wollen. Sondern wann wir anfangen, einer zu werden. Und ob wir bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, bevor sie offensichtlich notwendig wird. Oder ob wir warten, bis sie uns zugeteilt wird. Denn dann ist es oft schon zu spät, um wirklich gleichberechtigt einzusteigen. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem wir ehrlicher werden müssen: Nicht erst über die Aufteilung von Aufgaben sprechen. Sondern über den Moment, in dem diese Aufteilung überhaupt entsteht. (Lesen Sie auch: Hegen Pflegen: Und: Gartenarbeit im Mai)

Wenn wir den positiven Schwangerschaftstest in der Hand halten, dann werden wir nicht „bald Vater“. Wir sind es ab diesem Zeitpunkt. Und so sollten wir uns auch verhalten. Mütter machen es ja auch.
Ursprünglich berichtet von: Stern






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